25 JAHRE NACH „BRENT SPAR“-KAMPAGNE

Andrea Gieseke Greenpeace e.V. • 30 April 2020
in der Gruppe Themengruppe Meere
Clean up your mess, Shell!

25 JAHRE NACH „BRENT SPAR“-KAMPAGNE: SHELL WILL DAS MEER IMMER NOCH ALS MÜLLKIPPE NUTZEN

Auch ein Vierteljahrhundert nach der „Brent Spar“-Kampagne, die am 30. April 1995 begann, bedroht Shell weiterhin das Meer: Nach konzerneigenen Angaben will Shell nun die Reste von drei alten Plattformen mit 11.000 Tonnen Öl in der Nordsee zurücklassen und deren toxischen Inhalt nicht umweltgerecht an Land entsorgen.

 

Gegen diese Pläne protestierte Greenpeace mit dem Schiff Rainbow Warrior im Oktober 2019 im Brent-Ölfeld von Shell.  Schon vor 25 Jahren wollte der Konzern bereits die Meere verschmutzen. Shell hat sich nicht geändert, denn der Konzern will auch heute noch das Meer als Müllkippe missbrauchen, um Kosten zu sparen. Greenpeace protestierte 1995 erfolgreich im Brent-Ölfeld in der Nordsee, als Shell plante, die Öltank- und Verladeplattform „Brent Spar“ in den Nordost-Atlantik zu ziehen und dort zu versenken. Damals stand die deutsche Öffentlichkeit einig hinter Greenpeace - und gegen die Ölkonzerne Shell und Esso. Nachdem die Bilder des Protestes mit Greenpeace Schlauchbooten in stürmischer See vor dem gigantischen Stahl-Ungetüm im Fernsehen gelaufen waren, stellte sich niemand mehr auf die Seite von Shell. Kirchen und Gewerkschaften, Medien und Politik ergriffen einhellig Partei für Greenpeace. Es wurden sogar Shell-Tankstellen in Deutschland boykottiert. Wobei der Protest in Deutschland nicht auf der Straße stattfand, sondern auf Hoher See und in den Medien. Die Greenpeace Aktivisten trugen die Hauptlast. Christian Bussau, der damals persönlich dabei war erinnert sich: „Wir hatten keinen Strom, kein fließendes Wasser, Duschen gab es auch nicht. Wir hatten einen Raum beheizt, sonst war es bitterkalt. Die Temperaturen Anfang Mai lagen knapp über dem Gefrierpunkt. Weil es so kalt war, haben wir uns nicht waschen können“. Nach einem wochenlangen Nervenkrieg ist Greenpeace erfolgreich. Shell verzichtet auf die geplante Versenkung und entsorgt die Brent Spar an Land.

Der wesentliche Fortschritt kam 1998, als die OSPAR-Staaten (Übereinkommen der Anrainerstaaten zum Schutz der Meeresumwelt des Nordost-Atlantiks)  die Versenkung von Ölplattformen im Nordostatlantik verboten. Nach Brent Spar haben die Anrainer-Staaten der Nordsee die Versenkung von Ölförderanlagen in einem Abkommen ausgeschlossen. Die vier nordöstlich der Shetland-Inseln gelegenen Bohrinseln Brent Alpha, Bravo, Charlie und Delta haben seit den 1970er Jahren umgerechnet mehr als drei Milliarden Barrel (je 159 Liter) Öl und Gas gefördert. Nun ist Schluss, das Brent Feld ist ausgefördert. Nur Brent Charlie produziert noch Erdgas, aber das endgültige Betriebsende dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Doch auch nach mehr als zehn Jahren Diskussion, mehr als 300 Studien und einem Diskurs mit 180 Organisationen und 400 Einzelpersonen ist noch immer nicht klar, was mit den Strukturen unter Wasser passieren soll. Brent Alpha ist eine Stahlkonstruktion mit einem Sockel, doch Bravo, Charlie und Delta besitzen sogenannte Schwerkraftfundamente aus Beton, jeweils rund 300 000 Tonnen schwer. In 140 Metern Wassertiefe in der rauen Nordsee stehen 64 riesige Betonzellen, 60 Meter hoch, mit einem Meter dicken Wänden. Sie wurden als Tanks genutzt und enthalten 41 000 Kubikmeter Öl-Sand-Gemisch. Das sind insgesamt knapp 11 000 Tonnen Öl. Dazu kommen 640 000 Kubikmeter leicht belastetes ölhaltiges Wasser.

Shell reichte im vergangenen Jahr die Pläne zum Verbleib der 11.000 Tonnen Öl bei der britischen Regierung zur Genehmigung ein, die diese unterstützt und der OSPAR-Kommission vorlegte. Eine Zustimmung könnte einen Präzedenzfall für andere Ölkonzerne schaffen. Die deutsche Regierung legte einen offiziellen Widerspruch gegen die Pläne ein, ebenso sprechen sich die Regierungen von Schweden, Belgien, Dänemark und den Niederlanden sowie die EU gegen den Verbleib von 11.000 Tonnen Öl im Meer aus. Das Ergebnis ist noch offenWenn das Öl aus den Betonsockeln der Plattformen in das Meer gelangt, ist die Bedrohung massiv: Öl ist eine giftige Substanz, die krebserregende Stoffe enthält. Gelangen solche Stoffe in die Nahrungskette, werden Meereslebewesen und Menschen gefährdet.

Die Nordsee ist eine riesige Industrielandschaft mit hunderten von Öl- und Gasplattformen. Allein durch den Normalbetrieb werden Klima und Meer stark belastet. 2017 emittierten die Nordsee-Plattformen 30 Millionen Tonnen CO2, das ist beinahe so viel wie die CO2 Emissionen Dänemarks im Jahr 2018, die bei 35,7 Millionen Tonnen lagen. Außerdem wurden durch die Nordsee-Plattformen 180.000 Tonnen Chemikalien und 9.000 Tonnen Öl eingeleitet. Dies entspricht den Mengen, die bei einem großen Tankerunglück freigesetzt werden würden – Jahr für Jahr.

Die Nordsee braucht endlich langfristigen Schutz: Die EU muss einen Fahrplan zum Ende der Öl- und Gasindustrie in der Nordsee beschließen. Sonst sind die Ziele zum Meeresschutz sowie zum Klimaschutz nicht erreichbar.

Wer sich von euch Christian Bussau gern live in einem 30 minütigen Podcast anhören möchte, hat hier die Gelegenheit:

https://www.ndr.de/903/sendungen/hamburger_hafenkonzert/Der-Kampf-um-die-Oelplattform-Brent-Spar,sendung1020912.html