Bedrohte Weltmeere_Fischerei mit Grundschleppnetzen genauso klimaschädlich wie Luftverkehr

Lars Klitscher Greenpeace Ortsgruppe • 21 March 2021

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https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/weltmeere-grundschleppnetzfischerei-genauso-klimaschaedlich-wie-luftverkehr-a-cfa12e2b-ad66-4050-b516-ba405fb15a19

Bedrohte Weltmeere

Fischerei mit Grundschleppnetzen genauso klimaschädlich wie Luftverkehr

Grundschleppnetze zerstören nicht nur den Meeresboden, sondern schaden auch massiv dem Klima, schreiben 26 Forscher in einer »Nature«-Studie. Dabei würden von einer Beschränkung auch Fischer profitieren.

 

Die umstrittene Grundschleppnetzfischerei ist laut einer brisanten Studie mindestens genauso klimaschädlich wie der weltweite Luftverkehr. Das Aufwühlen des Bodens durch schweres Fanggerät setze jedes Jahr durchschnittlich eine Gigatonne CO₂ frei, so die Autoren der Studie, die im Fachmagazin »Nature« veröffentlicht wurde. Zum Vergleich: Die Luftfahrt war vor Corona für den Ausstoß von jährlich rund 900 Millionen Tonnen CO₂ verantwortlich.

Durch das Fanggeschirr werden organische Kohlenstoffverbindungen aus der aufgewühlten Sedimentschicht am Meeresboden freigesetzt und zu klimaschädlichen Kohlendioxid umgewandelt. Dadurch versauern die Ozeane schneller, außerdem können die Meere dann weniger CO₂ aus der Luft aufnehmen. Das wiederum verstärkt den Treibhauseffekt, weil Meere der größte CO₂-Speicher der Erde sind. Durch die Fangmethoden sei zudem die biologische Vielfalt der Meere bedroht, schreiben die insgesamt 26 Meeresbiologen, Klimaexperten und Ökonomen in der Studie.

Die Fischerei mit Grundschleppnetzen ist ein weltweit verbreitetes Verfahren zum Fang von Meerestieren wie Schollen, Seezungen oder Garnelen. Um beispielsweise Krustentiere vom Meeresboden aufzusammeln, traktieren die Fischer mit schwerem Geschirr und kleinmaschigen Netzen den Untergrund. Die Methode hat viele Kritiker, da bei ihrem Einsatz Meeresboden zerstört und viele darauf lebende Wesen vernichtet werden. Forscher warnen, dass Laichplätze von Fischen aufgewühlt und Pflanzen entwurzelt werden. Dadurch verschlamme und versande der Meeresboden.

Meist bestehen Grundschleppnetze aus einem trichterförmigen Fangsack, der von einem oder mehreren Schiffen gezogen wird. Die maulartige Öffnung des Netzes wird über unten liegende Gewichte und oben befindliche Schwimmkörper erzeugt. Scherbretter ziehen das Netz auseinander und können Furchen in den Boden ziehen, wodurch Sediment aufgewirbelt wird.

Schutzgebiete nützen auch den Fischern

Um die Meere besser zu schützen, plädieren die Studienautoren für mehr Schutzzonen, in denen Schleppnetzfischerei verboten ist. Es gibt zwar bereits solche Marine Protected Areas (MPA). Allerdings gibt es laut der International Union for Conservation of Nature (IUCN), die für die Uno die Schutzgebiete verwaltet, keine einheitlichen Vorschriften. Es kommt daher immer auf das Gutdünken der Anrainerstaaten an, ob in den Zonen gefischt werden darf oder Tourismus erlaubt ist.

Derzeit haben laut der »Nature«-Studie nur knapp drei Prozent der gesamten Weltmeere einen hohen Schutzstatus. Nur sieben Prozent sind überhaupt mehr oder weniger streng als Schutzgebiet ausgewiesen. Dieser Anteil müsste laut den Forschern mindestens um 30 Prozent ansteigen, besser aber um bis zu 45 Prozent – je nachdem, wie viel an biologischer Vielfalt und Fischreichtum die Weltgemeinschaft erhalten will.

Dabei geht es den Wissenschaftlern nicht nur um Umweltschutz. Von der Erholung der Meeresböden könnte auch die Fischerei profitieren. So könne der Schutz »strategischer« Meeresgebiete bis zu acht Millionen Tonnen Meeresfrüchte zusätzlich produzieren, heißt es.

Die Studie ist ein weiteres Thema für den Biodiversitätsgipfel in diesem Jahr. Wie am Freitag bekannt wurde, wollen sich die Vertragsstaaten der Uno-Biodiversitätskonvention im Oktober in der südchinesischen Millionenstadt Kunming treffen, um einen Fahrplan für den Schutz der biologischen Vielfalt zu verabschieden. Das Treffen wurde wegen der Coronapandemie bereits mehrmals verschoben. Dort soll ein Abkommen entstehen, das eine ähnliche Tragweite hat wie das Klimaabkommen von Paris aus dem Jahr 2015.