Mount Vema: Vielfalt statt Feinkost

Malte Brinkmann Greenpeace e.V. • 24 Oktober 2019
in der Gruppe Themengruppe Meere

Nur Schutzgebiete und strenge Kontrollen erhalten die Artenvielfalt

VIELFALT STATT FEINKOST

Meerestierarten sind manchmal an bestimmte Orte gebunden – wie die Tristan Languste an den Tiefseeberg Vema. Da Kontrollen fehlten, wurde ihr gesamter Bestand in den 80er Jahren vernichtet. Erholt hat er sich bis heute nicht.

Mount Vema ist ein Tiefseeberg im Südostatlantik. Aus rund 4.600 Metern Tiefe erhebt er sich bis ca. 26 Meter unter die Meeresoberfläche. Damit erreicht der Tiefseeberg fast die Höhe des größten europäischen Bergmassivs, des Mont Blanc. So dicht unter der Oberfläche sind seine Gipfel sogar für Taucher erreichbar – und für die Sonne. An seinen Gipfeln wiegen sich fruchtbare aus Tang bestehende Kelpwälder in der Strömung. Zwischen ihren langgestreckten Zweigen schweben Hunderte von Gelbschwanzmakrelen und Streifenbrassen – perfekte Beute für große Meeresräuber wie Thunfische und Haie. An den Überhängen des Plateaus leben krustenbildende Algen, Seesterne und Krebse, die tieferen Hänge sind Heimat für Schwarze Korallen und Seefächer.
Der etwa 1000 Kilometer nordwestlich von Kapstadt gelegene Tiefseeberg Vema wurde 1959 von einem gleichnamigen Forschungsschiff entdeckt. Entstanden ist er vor 15 bis 11 Millionen Jahren durch vulkanische Aktivitäten in der Tiefsee.

WAS SIND SEEBERGE?

Per Definition sind Seeberge Erhebungen, die sich mehr als 1000 Meter von der Umgebung abheben. Seeberge wie Vema sind Oasen des Lebens in der Weite der Ozeane: Strömungen transportieren nährstoffreiches Tiefenwasser nach oben, wo es auf die sonnenbeschienenen Schichten trifft. Nährstoffe und Licht ermöglichen Photosynthese und den Aufbau eines dichten Nahrungsnetzes mit vielen endemischen Arten – Tieren und Pflanzen, die nur hier vorkommen. Tiefseeberge sind von enormer Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht der Meere. Große Freiwasserfische wie Thunfische und Haie, sowie Delfine, Wale und Seevögel finden hier Nahrung.

Dieses spezielle Ökosystem möchte Greenpeace nun näher erkunden. Das Schiff Arctic Sunrise hat auf der Pole to Pole-Tour Kurs auf Vema genommen. An Bord sind Wissenschaftler, die mit Hilfe von Unterwasser-Mikrofonen (Hydrofone) Walgesänge erforschen werden. Ein Kelpforscher wird die Biodiversität dokumentieren.

LANGUSTENBESTAND INNERHALB VON 20 JAHREN VERNICHTET

Eine Art ist dort jedoch kaum noch zu finden: So lebte noch im 20. Jahrhundert auf Mount Vema eine riesige Population der Tristan Languste. Heute ist sie nahezu verschwunden. Sie landete als Feinkost in Gourmetrestaurants.
Die Tristan Languste ist die teuerste Langustenart weltweit und stammt in der Regel von der Insel Tristan da Cunha – laut Marine Stewardship Council (MSC) aus einer nachhaltigen Fischerei.

Die Vema-Population der Tristan-Languste entwickelte sich somit mehr als 1800 Kilometer vom natürlichen Verbreitungsgebiet dieser Art. Das macht sie einzigartig. Über Jahrhunderte hinweg gelangten die Langustenlarven nur durch Zufall mit der Meeresströmung von Tristan da Cunha nach Mount Vema. Auf diese Weise baute sich sehr langsam ein Bestand auf. Die menschliche Gier brauchte weniger als zwanzig Jahre, um den Tristan-Langustenbestand an den Rand des Aussterbens zu bringen. Alte, verstreut am Vema liegende Fallen sind Überreste einer einst hochaktiven Fischerei. Vema liegt auf der Hohen See außerhalb der nationalen Gerichtsbarkeit – keine Fischereiaufsicht stoppte die verheerende Überfischung der Langustenbestände. Viel zu spät verbot die SEAFO, Südostatlantische Fischerei-Organisation, die Grundfischerei im Seebergbereich. Daten der Organisation Global Fishing Watch zeigen jedoch, dass über Vema noch immer Fischerei mit Langleinen betrieben wird.

MASSENSTERBEN IM MEER

Im Kleinen zeigt uns das Schicksal der Tristan Languste wie natürliche Ökosysteme durch menschliche Eingriffe schweren Schaden nehmen. Die Ozeane sind ohne Schutz. Der Artenverlust schreitet im Wasser doppelt so schnell voran wie an Land. Landwirtschaft und Fischerei sind die Hauptursachen für die Verschlechterung. Die industrielle Fischerei fischt auf über der Hälfte der Weltmeere – ein Drittel aller Fischpopulationen gilt als überfischt. Zwei Drittel der Meere stehen unter dem Einfluss von Fischfarmen, Schifffahrtsrouten sowie Öl- und Gasbohrungen. Künftig soll eine weitere destruktive Industrie hinzukommen: der Tiefseebergbau.

Die Menge an Plastikmüll in den Meeren verzehnfacht sich seit 70 Jahren alle zehn Jahre – mit dramatischen Auswirkungen auf Meeresschildkröten, Seevögel und Meeressäugetiere. Das Wasser von drei Viertel der Flüsse und Seen werden für den Anbau von Nutzpflanzen oder Vieh genutzt. Mehr als 80 Prozent des Abwassers fließt unbehandelt in Bäche, Seen und Ozeane, ebenso wie 300 - 400 Millionen Tonnen Schwermetalle, giftige Gülle und andere industrielle Einleitungen. Bislang sind vierhundert „tote Zonen“ entstanden. 

Nur rund drei Prozent der Meeresgebiete sind wirklich frei von menschlichen Eingriffen. Das ist zu wenig, um ein langfristiges Überleben der Arten zu sichern. Greenpeace fordert bis 2030 dreißig Prozent der Meere unter Schutz zu stellen.

WARUM WIR ECHTE SCHUTZGEBIETE BRAUCHEN

Das Schicksal der Tristan Languste ist ein Beispiel, dass die bestehenden, fragmentierten Steuerungsinstrumente des Meeresmanagements in der Praxis keinen Schutz für die Ozeane bieten. Überfischung, Vermüllung, Geisternetze, direkte und indirekte Auswirkungen des Klimawandels strapazieren die Tiefseeberge genauso wie den Rest der Meere.

Daher fordert Greenpeace mit Blick auf die laufenden UN-Verhandlungen über ein globales Abkommen zum Schutz der Hohen See von den politischen Entscheidungsträgern strenge Kontrollen und ECHTEN Meeresschutz.