Fotos von pixabay.com, Grafik von Liane Künl, Text von Gerhard Künl
Dass es in der heutigen Zeit noch urzeitliche Tiere gibt, auch „Lebende Fossilien“ genannt, ist vielen Menschen gar nicht bekannt. Tatsächlich existieren auch heute Pflanzen- und Tierarten, deren „Bauplan“ sich seit Millionen von Jahren nicht oder nur kaum verändert hat. Interessant sind solche Lebewesen auch deswegen, weil sie sich sozusagen der Evolution „verweigert“ haben.
Auf einigen vorgelagerten Inseln vor Neuseelands Küste gibt es noch ein solches „Lebendes Fossil“. Tuatara ist der polynesische Name dieser sehr urzeitlichen Echse, was auf Deutsch „Stachelrücken“ bedeutet. „Brückenechse“ ist der offizielle deutsche Name dieses „Evolutionsverweigerers“ aus der Welt der Reptilien, da ihr Schädel an den Schläfen eine Art Brückenverbindung aufweist.
Von der zoologischen Systematik her sind Brückenechsen mit keiner anderen derzeit existierenden Echsenart verwandt, sondern gehören zu der bereits ausgestorbenen Reptilien-Ordnung der Schnabelköpfe. Brückenechsen bilden also eine eigene Tierordnung innerhalb der Tierklasse der Reptilien, neben Schildkröten, Krokodilen und Schuppenkriechtieren. Die Vorfahren der Brückenechsen traten bereits vor etwa 200 Millionen Jahren in der Trias-Zeit auf, und seither gab es keine wesentlichen Änderungen im Bauplan der Tiere.

Besonderheiten im Körperbau
Die Hautstruktur der Brückenechsen ähnelt den Schuppenkriechtieren. Durch pigmenthaltige Zellen in ihrer Haut können die Tuataras durch Kontraktion und Ausdehnung sogar Farbveränderungen erzeugen. Ein- bis zweimal jährlich häuten sich die Tiere. Die für die Tuataras typischen Stachelschuppen, vom Hinterhaupt über die Wirbelsäule bis zum Schwanzende verlaufend, sind bei den Männchen stärker ausgeprägt.
Im Leben der meisten Säugetiere gibt es zwei Zahnwechse-Perioden. Permanenten, also praktisch lebenslangen Zahnwechsel findet man häufig bei Fischen, Amphibien und Reptilien. Anders ist dies bei Brückenechsen, sie können ihre Zähne nicht wechseln. Dadurch ist es für Experten möglich, an der Beschaffenheit ihres Gebisses ihr Alter einzuschätzen.
Wie bei manchen anderen altertümlichen Wirbeltieren ist auch bei den Tuataras ein drittes Auge vorhanden. Auf dem Scheitelbein des Schädels angeordnet, dient es auch bei den Brückenechsen der Wahrnehmung von Licht. Vermutlich können sie damit noch feinere Helligkeitsunterschiede registrieren.
Wie Brückenechsen leben, ist noch wenig erforscht
Die dämmerungs- und nachtaktiven Tiere halten sich tagsüber meist in selbst gegrabenen Wohnhöhlen auf, die sie zur Nahrungssuche verlassen. Sie ernähren sich überwiegend von Insekten, vor allem Käfern, Grillen und Heuschrecken, aber auch von Schnecken und Regenwürmern. Seltener erbeuten sie kleinere Echsen oder dringen in die Wohnhöhlen von Seevögeln ein, um Jungvögel zu erbeuten. Die Tiere bewegen sich bei der Nahrungssuche erstaunlich langsam. Eigentlich jagen sie nicht aktiv, sondern warten, bis ein Beutetier in die Nähe kommt, um dann danach zu schnappen. Da die urtümlichen Echsen ihre Kiefer gegeneinander verschieben können, sind sie in der Lage, so ziemlich jede Nahrung zu zerkleinern.
Die meisten Echsen leben in wärmeren Regionen, Brückenechsen dagegen kommen mit dem eher kühl gemä
ßigten Klima ihrer Heimatinseln gut zurecht. Vermutlich hat sich ihr Stoffwechsel durch das Klima bedingt verlangsamt, so dass die Tiere auch langsam wachsen und ein erstaunlich hohes Alter erreichen können. So leben über 100 Jahre alte Tiere in einem Reptilienhaus in Invercargill.

Fortpflanzung bei den Brückenechsen
Im neuseeländischen Sommer, in den Monaten Januar bis März, sind die Männchen jedes Jahr paarungsbereit. In dieser Zeit kann es zwischen den Männchen auch zu Revierkämpfen kommen, wobei jedes Männchen ein etwa 25 Quadratmeter großes Revier beansprucht. Die Weibchen, nur alle 3 bis 4 Jahre zur Paarung bereit, legen in eine selbst gegrabene, mit Gras ausgepolsterte Erdhöhle bis zu 15 Eier. Der Eingang dieser Bruthöhle wird nach der Eiablage mit Erde verschlossen und vom Weibchen bewacht. Nach der für Reptilien ungewöhnlich langen Brutperiode von 13 bis 15 Monaten schlüpfen die etwa 10 cm langen und 5 Gramm schweren Jungtiere.
Streng geschützte Restbestände von Brückenechsen
Nach neuesten Forschungen gibt es sogar 2 verschiedene Arten von Tuataras in Neuseeland: Sphenodon punctatus mit etwa 50.000 Exemplaren auf den vorgelagerten Inseln an der Nordostküste der Nordinsel sowie auf einigen Inseln der Cook-Straße.
Sphenodon guentheri dagegen kommt nur noch in der geringen Zahl von 300 Stück auf einigen Inseln der Cook-Straße vor. Insgesamt gibt es auf etwa 30 kleinen Inseln streng geschützte Restvorkommen dieser altertümlichen ungewöhnlichen Reptilien.
