Wälder sind die Land-Ökosysteme mit dem größten Potenzial, Kohlenstoff zu binden und somit den CO2 Gehalt in der Atmosphäre zu verringern. Viele Firmen werben daher damit, in Aufforstungsprojekte zu investieren und somit ihren CO2-Ausstoß zu kompensieren. Betrachtet man die Situation allerdings etwas genauer, kann von Kompensation, oder sogar von CO2-Reduktion absolut keine Rede sein.
Der Offset-Mythos
Firmen wie EasyJet, Air France oder BP bieten seit einiger Zeit die Möglichkeit einer CO2-Kompensation, um so entstehende Emissionen durch Flugreisen, oder Autofahrten auszugleichen. 1,1 Cent pro Liter Benzin oder Diesel können Tankkunden beispielsweile bei Shell zusätzlich bezahlen, um die Emissionen auszugleichen, welche bei der Fahrt mit dem Auto durchschnittlich entstehen. Diese Gelder fließen dann in lokale und internationale Klimaschutzprojekte, bei denen Bäume gepflanzt und Wälder geschützt werden. Was zunächst nach einer guten Möglichkeit klingt, um zum Schutz des Klimas beizutragen, ist allerdings bei genauerem Hinsehen wesentlich komplizierter.
Das Pflanzen von Bäumen kann nicht mit der Reduktion von Kohlenstoffdioxid in Verbindung gebracht werden, solange die CO2-Emissionen durch fossile Brennstoffe weiter steigen. Solange wird Kohlenstoffdioxid lediglich von einem in den anderen Kohlenstoffspeicher umgelagert. Von einer Reduktion kann somit keine Rede sein. Im Gegenteil. Solange zusätzlich auch noch Waldflächen gerodet und zerstört werden, steigt der CO2-Gehalt in der Atmosphäre weiter an. Zusätzlich nehmen Waldökosysteme Kohlenstoff aus der Atmosphäre nur zu einem Teil und lediglich sehr langsam wieder auf. Das ausgestoßene CO2 verbleibt somit über einen langen Zeitraum in der Atmosphäre. Im Gegensatz zu fossilen Kohlenstoffspeichern garantiert das Pflanzen von Bäumen außerdem keine langfristige CO2-Speicherung, da der Kohlenstoff, welcher in Vegetation und Böden gespeichert wird, wieder freigesetzt werden kann, sollten die Bäume bspw. geerntet werden oder auch wenn sie sich auf natürliche Weise langsam zersetzen. Nur ein Bruchteil des gespeicherten Kohlenstoffs geht dann in die Böden über, wo es längerfristig gespeichert werden kann. Lediglich Kohlenstoff, welcher in fossilen Brennstoffvorkommen gespeichert ist, verbleibt somit dauerhaft in diesen Vorräten.
Wälder sind nicht gleich Wälder
Bei Wiederaufforstungsprojekten muss außerdem dringend zwischen naturnahen Waldökosystemen und plantagenartigen Monokulturen unterschieden werden. Im Rahmen der Bonn Challenge sollen bis 2030 350 Millionen Hektar zerstörte Waldflächen wiederaufgeforstet werden. Es zeichnet sich allerdings heute schon ab, dass 45% davon Baumplantagen mit geringer Artenvielfalt sein werden, lediglich 34% sind naturnahe Wälder. Monokulturen, welche regelmäßig geerntet und hauptsächlich zu kurzlebigen Produkten weiterverarbeitet werden, können nicht als nachhaltige CO2-Speicher angesehen werden, da der Kohlenstoff bei der Weiterverarbeitung wieder freigesetzt wird. Das Intergovernmental Panel on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) warnt außerdem, dass großflächige Monokulturen sogar weitere Gefahren für die Biodiversität birgen können. Zum einen werden diese oft dort gepflanzt, wo vorher andere Ökosysteme Platz fanden, welche vielfältige Habitate für verschiedenste Tier- und Pflanzenarten boten. Diese finden in den einfältigen Strukturen der Baumplantagen meist nicht mehr die Bedingungen vor, die sie brauchen und verlieren somit ihren Lebensraum. Zum anderen werden zusätzlich oft Pestizide versprüht, die die fragilen Systeme vor Schädlingsangriffen schützen sollen. Diese beeinträchtigen häufig die Gesundheit und das Trinkwasser umliegender Gemeinden und kurbeln außerdem das Artensterben weiter an. Würde im Gegensatz zu großflächigen Monokulturen die ganze Fläche der Bonn Challenge zu natürlichen Wäldern umfunktioniert werden, könnten diese Ökosysteme 40-mal so viel Kohlenstoff speichern wie bisher und wären außerdem resistenter gegenüber Feuern oder Schädlingsbefall.
Doch nicht nur Tier- und Pflanzenarten verlieren durch die Umwandlung von Ökosystemen häufig ihre Heimat. Auch indigene Bevölkerungsgruppen, welche in diesen Gebieten zuhause waren, sind betroffen. Große Baumpflanzprojekte wollen häufig den Anschein erwecken, dass Landflächen in Afrika oder Ostasien unbesiedelt und frei für Bepflanzungen seien, doch Tatsache ist, dass die meisten Gebiete bereits von der einheimischen Bevölkerung genutzt werden.
Um natürliche Ökosysteme wieder herzustellen muss die Abholzung von Wäldern beendet und Plantagen zu seminatürlichen Ökosystemen zurückgeführt werden. Außerdem müssen mehr Flächen breitgestellt werden, auf denen sich Wälder auf natürliche Weise entwickeln können. Pflanzungen sollten nur als letzte Möglichkeit genutzt werden und nur dort wo natürliche Ökosysteme sich nicht selbstständig zurückentwickeln können. Bei all diesen Vorgängen muss die lokale Bevölkerung zwingend von Beginn an, in den Entscheidungsprozess mit einbezogen werden. Nur auf diese Weise kann das riesige Potenzial natürlicher Waldökosysteme tatsächlich genutzt werden, um die globale Erwärmung und den Verlust der biologischen Vielfalt zu bekämpfen. Lediglich das Anlegen von Baumfarmen wird die Krise hingegen nur verschärfen.
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